„Bei Suchterkrankungen sieht die Gesellschaft die Not oft nicht“

Herr Schöpflin, Sie haben Psychologie studiert und eine Ausbildung zum Psychotherapeuten durchlaufen. Wie kamen Sie zum Arbeitsschwerpunkt „Sucht“?
Vor fünf Jahren habe ich die Klinik im Wingert während eines Praktikums kennengelernt – das war mein erster echter Kontakt mit dem Thema Suchterkrankungen. Später, während meiner Ausbildung, habe ich dann in einer psychotherapeutischen Praxis gearbeitet. Dort kamen vor allem Patient*innen mit Depressionen, Angst- oder Persönlichkeitsstörungen zu uns. Und immer wieder zeigte sich im Verlauf der Therapie: Da ist noch etwas anderes – die Abhängigkeit von einem Suchtmittel. Nur sprechen viele Patient*innen erst sehr spät darüber.
Warum ist das so?
Weil eine Suchterkrankung mit enormer Scham und Schuld verbunden ist. Das liegt auch daran, dass unsere Gesellschaft die Abhängigkeit von einer Substanz – ob Alkohol, Cannabis oder Medikamente – häufig immer noch als persönliches Versagen abstempelt. Dabei ist Sucht eine psychische Erkrankung. Niemand sucht sich das aus.
Ein Thema, das quer durch alle Gesellschaftsschichten geht?
Absolut. Ich würde sogar sagen: Jede und jeder kennt jemanden, der betroffen ist. In Deutschland gibt es rund zehn Millionen Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung oder Anzeichen einer Sucht, über zwei Millionen allein mit einer Alkoholabhängigkeit. Rein statistisch müsste also fast jeder Mensch in seinem Bekanntenkreis jemanden haben, der betroffen ist. Mein Appell: Sprechen Sie die Person an, wenn Ihnen etwas auffällt. Das kann der entscheidende erste Schritt sein, damit sich jemand seiner Erkrankung überhaupt stellt.
Wie sieht die Hilfe in der Klinik konkret aus?
Zu uns kommen Menschen, die den körperlichen Entzug bereits absolviert haben. Drei bis sechs Monate begleiten wir die Rehabilitanden dann intensiv – im Zentrum stehen Entwöhnungsbehandlung und Suchttherapie. Es geht darum, die Ursachen der Sucht aufzudecken und Strategien zu entwickeln, mit denen ein abstinentes Leben auch mittel- und langfristig gelingt. Dafür nutzen wir unter anderem Einzeltherapien und gruppentherapeutische Angebote. Das große Ziel: der Weg zurück ins soziale Leben und in den Job. Und das gelingt nur im Team – Suchtherapeut*Innen, Mediziner*innen, Psycholog*innen, eine Pflegekraft, ein Ergotherapeut*Innen, eine Bewegungstherapeutin, ein Sozialarbeiter und eine ausgebildete Ernährungswissenschaftlerin, die unsere Lehrküche leitet, arbeiten hier eng zusammen. Ohne diese unterschiedlichen Professionen und Perspektiven würden wir nicht annähernd so viel erreichen.
Zum Schluss: Was hat Sie persönlich in dieses Arbeitsfeld geführt?
Die Caritas hat das Motto: „Not sehen und handeln." Gerade bei Suchterkrankungen sieht die Gesellschaft die Not oft nicht – dabei ist sie riesig: körperlich, seelisch, innerhalb der Familie. Vor allem aber tragen die Betroffenen eine enorme Last aus Scham und Schuld mit sich herum. Genau da will ich ansetzen.