Zugehörigkeit statt Herkunft: 30 Jahre Haus Mondial in Bonn

Wir könnten heute auch 45 Jahre Ausländerberatung im ‚Ausländerhaus' feiern. Aber das tun wir bewusst nicht", betont Gabi Al-Barghouthi. Zur Eröffnung des Festtags blickte die Leiterin des Fachbereichs „Erwachsene" und des Haus Mondial auf die Vorgeschichte des Hauses zurück. 1981 hatte der Bonner Caritasverband das Gebäude in der Fritz-Tillmann-Straße gekauft und dort das „Ausländerhaus" eröffnet – Name und Konzept waren Kinder ihrer Zeit. „Die Begriffe und Vorstellungen dieser Zeit spiegeln gesellschaftliche Bilder wider, die wir heute kritisch betrachten. Der Begriff ‚Ausländer' trennt zwischen einem ‚Wir' und den ‚Anderen'. Er beschreibt Menschen über ihre vermeintliche Fremdheit", erklärt Al-Barghouthi. Als das Ausländerhaus 1995 zum Haus Mondial wurde, war das deshalb mehr als eine Umbenennung – es war ein Perspektivwechsel: „Menschen sind nicht Gäste auf Zeit, sondern Teil unserer gemeinsamen Gesellschaft. Zugehörigkeit wird wichtiger als Herkunft."
Ein Ort der Beratung
Die eigentlichen Wurzeln reichen aber noch viel weiter zurück, bis in die sechziger Jahre. 1963 eröffnete die Bonner Caritas die erste spanische Beratungsstelle für ausländische Arbeiter*innen in der Noeggerathstraße, kurz darauf folgte die italienische Beratungsstelle „Casa Italia“ in Bad Godesberg. Es war die Zeit der „Gastarbeiter" – Deutschland brauchte Arbeitskräfte, und man ging davon aus, dass die Menschen, die aus Spanien, Italien und anderen Ländern kamen, irgendwann wieder gehen würden. Erst mit dem Anwerbestopp 1973 wurde aus Arbeitsmigration endgültig Einwanderung: Familien wurden nachgeholt, Kinder wuchsen in Bonn auf, Lebensgeschichten verwoben sich mit der Stadt. Die Beratung musste sich wandeln – es ging nun nicht mehr nur um Arbeit und Aufenthalt, sondern um Schule, Ausbildung, Wohnen, Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe.
In den achtziger Jahren kamen weitere Beratungsstellen für unterschiedliche Nationalitäten hinzu. Spätestens als dann im darauffolgenden Jahrzehnt weitere Angebote entstanden – unter anderem 1991 die Beratung für Asylsuchende und Geflüchtete und vier Jahre später der Beratungsdienst für Spätaussiedler – wurde deutlich, dass der Name „Ausländerhaus" nicht mehr passte. Die Angebote richteten sich diese längst nicht mehr an bestimmten Nationalitäten aus, sondern an konkreten Bedarfen.
Gleichzeitig erschütterten die rassistischen Anschläge von Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen das Land. Es war daher in mehr als einer Hinsicht ein Zeichen, als das Haus im Dezember 1995, im Rahmen der 75-Jahr-Feier der Caritas Bonn, seinen neuen Namen erhielt: Haus Mondial – weltumspannend, international, global.
Ein Ort der Begegnung
Die Entwicklung ging weiter: So entstand unter anderem der Fachdienst für Integration und Migration; 2005 kam bundesweit die Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer hinzu. Seit 2015 bringt der Offene Treff Menschen zum Austausch zusammen. Und ein Jahr später nahm das Psychosoziale Zentrum zur Unterstützung von Menschen mit Fluchterfahrung seine Arbeit auf. Von 2016 bis 2022 begleitete das Haus die Asylverfahrensberatung in der Ermekeilkaserne, seit 2024 wieder im eigenen Gebäude. „Diese Fähigkeit, schnell auf neue gesellschaftliche Herausforderungen zu reagieren, ist bis heute die große Stärke des Hauses“, betont Al-Barghouthi.
Ein Ort des Vertrauens
Und die aktuellen Herausforderungen sind immens. Mit Sorge beobachtet das Team, wie rechtspopulistische Kräfte erstarken und Migration im öffentlichen Diskurs zunehmend als Ursache gesellschaftlicher Probleme dargestellt wird. Die tägliche Arbeit zeigt ein anderes Bild: Migration sei kein Problem, sondern Teil der Realität einer vielfältigen Gesellschaft – die Menschen, die ins Haus Mondial kommen, brächten Hoffnungen, Fähigkeiten und den Wunsch nach Sicherheit und Zugehörigkeit mit, so Al-Bar-ghouthi. „In unseren Beratungsgesprächen geht es immer häufiger nicht mehr nur um Aufenthalt oder Behördenwege, sondern um Ausgrenzung und alltägliche Diskriminierung – ein Thema, das auch die Mitarbeitenden selbst berührt. Auch finanziell wird es enger: Fördermittel werden gekürzt oder unsicherer, die Zukunft der eigenen Arbeit ist nicht garantiert.
Trotzdem – oder gerade deshalb – bleibt der Auftrag des Hauses unverändert: Räume zu schaffen, in denen Menschen willkommen sind, in denen qualifizierte Beratung und Begegnung möglich ist und in denen Vielfalt als Stärke sichtbar wird. „Das Haus Mondial war immer dann stark, wenn wir Veränderungen angenommen und neue Wege gesucht haben. Diese Haltung brauchen wir auch in Zukunft.“