Zwischen zwei Welten – und auf dem Weg, anzukommen

Oft beginnt ein neues Leben nicht mit einem ersten Schritt nach vorne, sondern mit einem letzten Blick zurück. Noch heute erinnere ich mich an den Flug nach Deutschland. Ich war hin- und hergerissen: Ein Teil von mir wollte nach vorne, weil ich mir von diesem neuen Leben etwas Besseres erhoffte; der andere wollte festhalten an allem, was mir vertraut und lieb war. Ich freute mich auf das, was vor mir liegen könnte, und hatte gleichzeitig Angst, dass es vielleicht nie so werden würde, wie ich es mir erhoffte. Während meine Heimat unter mir immer kleiner wurde, musste ich lernen, dass ein Neuanfang nicht nur bedeutet, etwas Neues zu gewinnen, sondern auch etwas zu verlieren, das man noch immer liebt.
Es sollte noch zwei Jahre dauern, bis wir an unserem Ziel – Deutschland – ankommen würden. Zwei Jahre voller Warten und Hoffen, in denen wir zunächst im Libanon, dann an verschiedenen Orten in der Türkei lebten. Mein Vater und mein Bruder waren bereits früher nach Deutschland gegangen, während meine Mutter, meine Schwester und ich lange auf die Visa warten mussten, um endlich wieder als Familie zusammenleben zu können. Diese Zeit fühlte sich an, als wäre unsere eigene Uhr stehen geblieben, während das Leben um uns herum weiterging.
Im Juli 2017 schließlich landeten meine Mutter, meine Schwestern und ich am Flughafen Köln/Bonn. Nach einer langen Reise kamen wir in einem Flüchtlingsheim in Remagen-Kripp an. Plötzlich war vieles nicht mehr selbstverständlich: Die Sprache fehlte mir, die vertraute Umgebung war verschwunden, und selbst einfache Dinge konnte ich nicht mehr ohne Hilfe bewältigen. Ich musste lernen, mit dieser Unsicherheit zu leben, ohne zu wissen, wann ich mich in diesem neuen Leben wirklich sicher und angekommen fühlen würde.
In den ersten Jahren in Deutschland begann ich langsam, mir aus vielen kleinen Begegnungen, Erfahrungen und neuen Beziehungen ein neues Leben aufzubauen. Eine dieser besonderen Begegnungen führte mich zu meinem Nachbarn Klaus. Klaus ist etwa 50 Jahre älter als ich. Er wurde mit der Zeit trotzdem zu einem meiner wichtigsten Wegbegleiter und schließlich zu meinem besten Freund. Er ermutigte mich, nach vorne zu schauen, weiterzumachen und niemals aufzugeben. Er half mir, Deutsch zu lernen, zeigte mir vieles vom Leben in Deutschland und machte mir eine neue Welt Stück für Stück verständlicher. Während ich so langsam begann, mich im neuen Alltag zurechtzufinden, wartete bereits die nächste große Herausforderung auf mich: die Schule.
Nur drei Wochen nach meiner Ankunft in Deutschland ging ich zum ersten Mal in eine deutsche Schule. Zu dieser Zeit konnte ich mich auf Deutsch gerade einmal kurz vorstellen, mehr war noch nicht möglich. Die Sprache lernte ich erst Schritt für Schritt während meiner Schulzeit. Gleichzeitig entdeckte ich etwas, das mich bis heute begleitet: Im deutschen Bildungssystem gibt es verschiedene Wege, ein Ziel zu erreichen. Aus meiner Heimat kannte ich eher einen festen Bildungsweg, hier hingegen lernte ich, dass ein Lebensweg nicht von Anfang an vollständig festgelegt sein muss.
Mit der Zeit ging es für mich nicht mehr nur darum, in Deutschland anzukommen, sondern auch darum, mir hier meine eigene Zukunft aufzubauen. Im August 2025 begann mit der Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement bei der Bonner Caritas ein neuer Teil dieses Weges.
In der Ausbildung durchlaufe ich mehrere Stationen und lerne so unterschiedliche Abteilungen und Einrichtungen kennen. Mit jedem neuen Einsatz wird für mich eine weitere Seite dieser vielfältigen Organisation sichtbar. Besonders schätze ich die Begegnungen mit Führungskräften, die ihre Verantwortung bewusst wahrnehmen und ihren Mitarbeitenden mit Vertrauen und Wertschätzung begegnen. Gleichzeitig erlebe ich eine Ausbildung, die gut geplant und sinnvoll aufgebaut ist und mir Schritt für Schritt die Möglichkeit gibt, Verantwortung zu übernehmen und mich fachlich wie persönlich weiterzuentwickeln.
Wenn ich heute auf meinen Weg zurückblicke, wird mir bewusst, wie viel sich seit diesem Flug im Jahr 2017 verändert hat. Aus einem Jungen, der kein Deutsch sprach und nicht wusste, welchen Platz er in diesem neuen Land finden würde, ist mein heutiges Ich geworden. Ich gehe meinen beruflichen Weg und weiß zunehmend, wohin ich möchte. Durch meinen Beruf habe ich dabei etwas gefunden, das für mich über ein Einkommen hinausgeht: einen Sinn. Es bedeutet mir viel, morgens aufzustehen und zu wissen, dass meine Arbeit einen Wert hat und ich anderen Menschen helfen kann. Genau dieses Gefühl gibt mir heute Motivation und zeigt mir, dass Ankommen nicht nur bedeutet, einen Ort zu finden, sondern auch seinen Platz im Leben.
Mahmoud Rammo