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„Unser Ziel ist, dass Menschen wieder am Leben teilnehmen können“

Zum Jahresbeginn hat Carolina Schrage die Leitung der Wohnungslosenhilfe der Bonner Caritas übernommen. Mit Constanze Baumgart sprach sie über die Aufgaben der Wohnungslosenhilfe, ihr Ankommen im Verband und ihre Eindrücke nach den ersten (knapp) 100 Tagen.
CarolinaSchrage_schmal
Datum:
11. März 2026
Von:
Verena Weiden

Carolina, Du hast Soziale Arbeit studiert – daraus ergeben sich sehr unterschiedliche mögliche Arbeitsbereiche. Wann war Dir klar „Ich möchte in der Wohnungslosenhilfe tätig sein“?

Als ich mein Studium aufgenommen habe, war ich eigentlich sicher, dass ich in der Kinder- und Jugendhilfe arbeiten wollte. Zum Ende des ersten Semesters stand dann die Frage an, wo ich mein erstes studienbegleitendes Praktikum machen möchte. Einer meiner Dozenten hatte uns den Tipp gegeben: „Machen Sie etwas, von dem Sie heute sagen, das können Sie sich noch gar nicht so richtig vorstellen. Das ist für Sie eine völlig neue Welt.“ Und das war für mich damals in der Tat die Obdach- und Wohnungslosenhilfe. So bin ich zur Wohnungslosenhilfe der Bonner Caritas gekommen. An das Praktikum im Prälat-Schleich-Haus (PSH) schloss sich dann später mein Praxissemester an. Da durfte ich dann schon eine Reihe von Aufgaben übernehmen, zum Beispiel Sozialanamnesen erstellen. Kurz bevor ich das Studium abgeschlossen hatte, wurde dann hier eine Stelle als Sozialarbeiterin frei, und die Caritas hat mir die Chance gegeben: Ich konnte direkt anfangen, zunächst als Betreuungskraft . Als ich dann den Abschluss in der Tasche hatte, konnte ich sofort durchstarten als Sozialarbeiterin.

 

Wie sah Deine Arbeit als Sozialarbeiterin im PSH aus?

Im PSH gibt es rund 80 Plätze für Menschen – bei uns wohnen ausschließlich Männer –, die in ihrer Existenz bedroht sind, aus der Wohnungs- oder Obdachlosigkeit kommen und hier wieder Fuß fassen können. Sie bekommen nicht nur ein menschenwürdiges Dach über dem Kopf, sondern auch Begleitung und Unterstützung, vor allem durch Sozialarbeiter*innen und Ergotherapeut*innen. Im Haus gibt es das Wohngruppenprinzip: Die Personen, die ihre Zimmer auf einem gemeinsamen Flur haben, bilden eine Wohngruppe, die sich jeweils Bad, Küche und Wohnzimmer teilt. Es ist ein bisschen wie eine Studierenden-WG: Auch Dienste wie etwa das Putzen werden unter den Bewohnern aufgeteilt. Betreut wird jede Gruppe von einem/r Sozialarbeiter*in, den „stationären Hilfen“. Wir arbeiten gemeinsam mit den Menschen systematisch an deren Schwierigkeiten und Herausforderungen, die sie aktuell haben. Unser Ziel ist dabei, dass diese Menschen mittel- oder langfristig wieder ein eigenständiges Leben führen können, wieder teilnehmen können am Leben. Das kann die Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit sein und in eine eigene Wohnung münden. Es kann aber auch ein anderer Weg sein, die Eingliederungshilfe über die Sozialpsychiatrie etwa oder eine Einrichtung bei der Suchthilfe.

 

Jetzt bist Du nach zwei Jahren in einer Unternehmensberatung im sozialen Bereich in neuer Funktion zur Wohnungslosenhilfe zurückgekehrt. Welche aktuellen Herausforderungen siehst Du für die Wohnungslosenhilfe?

Die wohl größte Herausforderung ist die Stigmatisierung von Wohnungs- und in ganz besonderem Maße von Obdachlosigkeit. Angesichts der aktuellen Entwicklungen wird sich diese Herausforderung noch verschärfen. Wir sehen uns – übrigens nicht nur in Bonn – mit rasant steigenden Zahlen in diesem Bereich konfrontiert. Die Zahl der wohnungslosen Menschen ist von 2015 bis 2024 um rund 500 % gestiegen: von 683 auf 3.675. Und der Trend setzt sich fort! Hier haben wir als Wohnungslosenhilfe und Caritas Aufgabe und Auftrag: Es gilt vor allem, Betroffene zu unterstützen, aber auch aufzuklären.

Eine andere Herausforderung ist, dass sich die Krankheitsbilder oder die Problemkomplexe, mit denen die Menschen bei uns ankommen, in den letzten vielleicht zwanzig Jahren stark verändert haben. Psychische Erkrankungen spielen heute eine ungleich größere Rolle. Das zwingt uns, unsere Arbeit immer wieder zu überdenken und zu evaluieren.

 

Wie sieht die Situation für junge Menschen aus?

Für die trifft das in besonderem Maße zu. Im Aenne-Mangold-Haus etwa (hier lernen junge Männer zwischen 18 bis 25 Jahren selbstbestimmtes Leben und Wohnen, Anm.d.Red.) gab es früher so gut wie keine Bewohner mit einer psychischen Erkrankung – heute sind fast alle betroffen. Zum einen ergibt sich das daraus, dass die Gesellschaft heute für psychische Erkrankungen stärker sensibilisiert ist und eine Erkrankung auch eher diagnostiziert wird. Zum anderen aber stehen junge Menschen heutzutage auch unter einem sehr hohen Druck, was die eigene Peergroup angeht. Dann kommt ein erhöhter Drogenkonsum hinzu, der solche Erkrankungen hervorrufen oder sichtbar machen kann. In Kombination mit immer größerer Wohnungsnot ist das ein geeigneter Nährboden, um von Wohnungslosigkeit bedroht oder betroffen zu sein.

 

Dein Fazit nach den ersten 100 Tagen im Amt? 

Ich hatte einen sehr positiven Einstieg. Die erste Zeit war geprägt vom Ankommen in einem engagierten, kompetenten Team, in dem ich mich von Anfang an willkommen gefühlt habe, von intensivem Lernen und vielen neuen Eindrücken. Das Arbeitsfeld selbst ist mir aus früheren Tätigkeiten vertraut, die Fachbereichsleitung hingegen neu – und genau dieser Perspektivwechsel macht die Aufgabe für mich besonders spannend. Zu den neuen Dingen, die mich aktuell beschäftigen und auch in Zukunft ein wichtiger Teil meiner Arbeit bleiben werden, gehören Immobilienstandhaltung und Baumaßnahmen. Zur Wohnungslosenhilfe gehören gleich mehrere Immobilien. Die größte, das Prälat-Schleich-Haus, ist in den letzten Jahren aufwändig saniert worden. Dies ist ein Projekt, das ich jetzt zu Ende führen darf.  

Meine Arbeit empfinde ich nach wie vor als äußerst sinnstiftend: Gemeinsam setzen wir uns dafür ein, Menschen in schwierigen Lebenslagen zu unterstützen und nachhaltige Perspektiven zu schaffen.